Es ist 8 Uhr morgens, und ich stehe in der Küche unseres Ferienhauses. Im Kühlschrank liegen all die guten Zutaten, die man für Pancakes braucht. Ich freue mich auf kleine, runde, goldgelbe Fladen, die ich mit Schokolade, Honig oder Speck und Ahornsirup verfeinern kann. Ich greife zur Schachtel mit den Eiern – und dann passiert es: Zwei Eier fallen zu Boden und klatschen auf, verstreichen sich klebrig über die Bodenplatten.
Welche Gedanken gehen dir bei so einem Missgeschick durch den Kopf? Sind es neutrale, sachliche Reaktionen wie:
«Ach nein, ausgerechnet jetzt! »
«Zwei Stück weniger für die Pancakes. »
«Hoffentlich habe ich noch genug Eier für den Teig.»
«Mist, diese Sauerei am Boden, das klebt wie Sekundenkleber.»
Oder gehen deine Gedanken in eine unbarmherzigere Richtung?
«Warum bin ich nur so ungeschickt?»
«Jetzt habe ich alles ruiniert.»
«Nicht einmal das Einfachste bekomme ich hin.»
«Welcher Depp hat die Eier so schlecht verstaut?»
«Ich bin ein Pechvogel, ich ziehe das Pech förmlich an.»
Drei Wochen später stelle ich mit meinem Sohn Birkenpech her. Das Zeug klebt und stinkt. Während wir werkeln, fragt er mich, woher die Begriffe Pechvogel oder Pech gehabt kommen. Im Mittelalter bestrich man Äste mit Pech, um Vögel zu fangen. Setzte sich ein Vogel darauf, blieb er kleben. Eine weitere Anwendung war es, im Krieg angreifende Truppen mit heissem Pech zu überschütten oder jemanden mit Pech zu übergiessen und ihn anschliessend zu federn, damit er als Versager erkennbar wurde.
Festgeklebt wie ein Vogel am Ast ging es mir mit der Eiergeschichte. Es ist eine typische Pechvogelgeschichte. Wie oft kommt es bei dir vor, dass du dich selbst anklagst? Negative Erlebnisse prägen sich tiefer in unser Gedächtnis ein als positive. Darum entsteht schnell das Gefühl, dass immer mir so etwas passiert, während alle anderen scheinbar makellos durchs Leben gehen. Nur an mir bleibt das Pech haften. Klebt Pech einmal auf der Haut, das hat mein Sohn bei seiner Outdoor-Arbeit erlebt, lässt es sich nur schwer entfernen. Zeit und wiederholtes Waschen bringen die Hände schliesslich wieder sauber.
Belasten dich nach einem Missgeschick negative Gedanken, ist das verständlich. Aber ob du dir gegenüber fair bist, ist fraglich. Oft setzen wir uns selbst unter zusätzlichen Druck, es jetzt erst recht richtig machen zu müssen. Ist das wirklich fair? Passiert dasselbe einem anderen Menschen oder einem unerfahrenen Kind, reagieren wir meist viel geduldiger als mit uns selbst.
Reflektierte Personen schaffen es, sich selbst zu sagen: «Bleib ruhig. Atme tief durch. Erst wird geputzt, dann brate ich Pancakes, und am Schluss geniesse ich sie. Und weil mir heute ein Missgeschick passiert ist, gönne ich mir …»
Wenn jemand sich in solchen Momenten selbst anklagt, fehlt die Selbstliebe und sie wird durch innere Vorwürfe sicher nicht zurückkehren. Lege dir diese Strategie zurecht und brauche ein Codewort, das etwas neutralisiert. So weiss der gestresste Teil: «Ich werde mitten in meinem Missgeschick angenommen.»
Was machst du zu deiner Strategie?