Erwartest du für 2026 eine bessere Version von dir selbst, ein Ich, das souveräner mit Unvorhergesehenem und Unvorbereitetem umgeht? So oder ähnlich vergleichen wir unser Heute mit der Vergangenheit. Situationen im Jetzt sollen besser, einfacher, effizienter und zufriedener gemeistert werden als früher. Schnell ziehen wir Vergleiche heran, die uns eigentlich stärken und unser Wachstum beweisen sollen. Wir hoffen auf bessere Momente und auf eine bessere Version von uns selbst.

Genau hier liegt jedoch ein Haken, an dem man leicht hängen bleibt.

Betrachten wir eine Situation in der Vergangenheit aus dem Heute, kennen wir ihren Ausgang bereits. Dadurch sind wir in der Beurteilung unserer damaligen Handlung befangen. Wir können noch so oft betonen, dass die Situation unvorbereitet war. Rückblickend meinen wir, wir hätten erkennen müssen, was passieren würde oder wie wir uns den Ausgang gewünscht hätten. Die Beurteilung fällt dadurch meist hart und wenig wohlwollend aus.

Gleichzeitig stellen wir an vergleichbare Situationen im Heute höhere Ansprüche. Schliesslich kennen wir das Thema bereits und sollten, so die Annahme, durch unsere Erfahrungen angemessener reagieren. Eine aussenstehende Person würde Folgendes erkennen: Dein Ich aus der Vergangenheit wird abgewertet, mit einem geringeren Selbstwert versehen und anschliessend an einer überhöhten Erwartung im Heute gemessen.

Messen wir Vergangenheit und Zukunft mit gleichen Massstäben? Oder haben wir die Regeln im Nachhinein verändert und zusätzliche, strengere Anforderungen ergänzt?

Unser Leben gleicht einem Weg, einer Linie durch eine weite Lebenslandschaft. Im Auf und Ab gehen wir an Erlebnissen und Eindrücken vorbei, die uns formen und weiterbringen. Immer wieder stehen wir an Weggabelungen, müssen Entscheidungen treffen oder geraten in unvorbereitete Situationen, die wir bewältigen sollen. Im jeweiligen Moment wünschen sich die meisten vor allem eines: dass die Last vorübergeht.

Aus dem Heute heraus beurteilen wir vergangene Schwierigkeiten häufig nur anhand des Ergebnisses und nicht anhand des Weges. Wieviel mehr Gewicht erhält das Resultat als der Prozess und die daraus entstandenen Learnings. Vielleicht war der Weg von Umwegen geprägt, vielleicht wurde ein Ziel verspätet oder gar nicht erreicht. Das führt schnell zu einer negativen Bewertung des Ergebnisses. Die Konsequenz scheint klar: Für die Zukunft muss das Resultat positiv sein. Dabei blenden wir oft aus, welchen Reifungsprozess wir auf diesem Weg durchlaufen haben.

Wir entscheiden darüber, ob der Vergleich fair ist oder ob er bereits uns abwertet. Hier zeigen sich zwei Sichtweisen, durch die der Vergleich zwischen Vergangenheit und Heute in Selbstanklage und Selbstverurteilung kippen kann. Es ist Wachstum oder Verurteilung.

Wenn du echtes Wachstum erleben möchtest, achte auf dein Herz. Solange du dir Entwicklung, Lernen und Weite zusprichst, geh weiter. Beginnt der Vergleich in Verurteilung umzuschlagen, wird er toxisch. Du wertest dich selbst ab, das Wachstum stockt und es kann zum Stillstand kommen.

Welchen Massstab legst du an, wenn du der nächsten unvorbereiteten Situation begegnest, und dient er deinem inneren Wachstum?