Es war vor ungefähr zwanzig Jahren an der Fachhochschule. Eine wichtige Prüfung stand an, und ich wollte sie gut meistern. Ich lernte und bereitete mich sorgfältig vor. Trotzdem wurde  die Arbeit als deutlich ungenügend bewertet. Der Aufwand hatte sich nicht ausgezahlt, und ich fühlte mich von der Fachperson vollständig missverstanden und abgelehnt.

Es war klar: Eine zweite Prüfung würde folgen. Diesmal entschied ich mich anders. Ich änderte meine Strategie und wollte mit minimalen Aufwand die Prüfung ablegen. Ich bereitete mich bewusst nicht vor. Zunächst fühlte sich das falsch an, aber es gab mir Ruhe.

Am Prüfungstag sass ich erstaunlich gelassen im Raum. Was ich wusste, schrieb ich nieder. Was ich nicht wusste, liess ich offen. Meine Einstellung war klar: Hätte ich mich vorbereitet und wieder versagt, wäre die Enttäuschung noch grösser gewesen.

In dieser Handlung zeigt sich eine Form von Resignation. Die erste Prüfung war so frustrierend, dass ich instinktiv eine emotionale Schutzreaktion entwickelte, um mein Inneres zu schützen. Ich hatte innerlich bereits aufgegeben, bevor die Prüfung begann. Indem ich unvorbereitet antrat, verringerte sich das Risiko einer erneuten Enttäuschung. Die Erwartungen waren bewusst niedrig gesetzt.

Dieses Erlebnis der ersten Prüfung ist mir bis heute präsent. Wenn ich zurückblicke, kann ich die damaligen Gefühle wieder spüren: In meinem Rücken wird es zuerst warm, bis ich die Note erkenne, dann wird es kalt. Alles in mir verhärtete sich. Mein Ehrgeiz endet in Frustration; der Wunsch, zu erfüllen geht in die Enttäuschung über und meine Neugier, weicht der Gleichgültigkeit.

In der Hoffnung auf Verständnis zeigte ich meine Frustration, Enttäuschung und Gleichgültigkeit offen der Fachperson. Diese reagierte kalt und mit einem grossen Unverständnis.

In deinem Umfeld gibt es sicher Menschen, die ähnliche Gefühle zeigen: Frustration, Hilflosigkeit, Traurigkeit, Enttäuschung oder Gleichgültigkeit. In meinen Jahren in der Schienenfahrzeugbranche begegnete ich immer wieder solchen Situationen. Auch bei Jugendlichen wird dies sicht- und hörbar, wenn sie sagen:

«Es bringt eh nichts.»
«Ich kann daran nichts ändern.»
«Warum soll ich es überhaupt versuchen?»

Da kommst du zum Zug. Wenn du solchen Aussagen begegnest, ist es wichtig, solche Menschen anzunehmen, damit sie sich weiterhin auf ihr Leben und ihre Rolle in der Gesellschaft vorbereiten können. Es wäre zu schade, wenn Menschen resignieren und sich zurückziehen, nur weil sie das Gefühl der Ablehnung und des Scheiterns erlebt haben.

Wie zeigt man einer solchen Person Annahme? Indem das Sein grösser geschrieben wird. Nicht das Tun, nicht die Leistung, nicht das Verhalten oder die Anstandsregeln sind wichtig, sondern das Dasein selbst. Ich habe Zeit mit dir und möchte dich verstehen.

Wem zeigst du das?