Du sitzt da, gleich geht es los und plötzlich taucht der Gedanke auf: Ich bin unvorbereitet.

Für Sven ist das ein Gefühl. Für Sonja ein Fehler. Was ist es also? Eine Frage, die Spannung erzeugt. Was ist dein Standpunkt?

Ich habe beide Gespräche unabhängig voneinander geführt und kann mir gut vorstellen, wie diese Frage eine Tischrunde aufmischt. Ich vergleiche es mit einem prickelnden kohlesäurehaltigen Getränk. In einer hitzigen Diskussion versuchen alle, ihren Standpunkt zu verteidigen. Doch was steckt dahinter?

Sonja ist rational und strukturiert. Wenn eine Situation unvorbereitet auftritt, bedeutet das für sie: Eventualitäten wurden falsch eingeschätzt oder die Vorbereitung war unzureichend. Sie lebt nach dem Motto: Ich habe das Leben im Griff. Sie ist mit klaren Grenzen aufgewachsen und wurde streng geführt. Wer etwas nicht im Griff hatte, musste sich mit eigener Anstrengung wieder stabilisieren. Das Gefühl, unvorbereitet zu sein, kennt sie nicht. Für sie ist es schlicht mangelnde Vorbereitung.

Bei Sven ist es anders. Wenn er sich unvorbereitet fühlt, meldet sich ein dumpfes Ziehen in der Magengrube. Es ist schwer greifbar und kaum einzuordnen. Manchmal wird ihm sogar übel. Er erinnert sich an viele Situationen, in denen er sich akribisch vorbereitet hat und dennoch kam dieses Gefühl hoch. Er wünscht sich mehr Gelassenheit, vielleicht auch mehr Rationalität. Tritt das Gefühl auf, würde er sich am liebsten krankmelden.

Wie viel Verständnis könnten die beiden füreinander aufbringen? Ich höre Sonja schon sagen: «Reiss dich zusammen» oder «Wie kannst du dich nur so anstellen?»

Sven hingegen würde erwidern: «Du hast keine Ahnung, wie sich das anfühlt» oder «Sei kein kalter Brocken.»

Was für Sonja ein Versäumnis ist, fühlt Sven. Auf einen Gedanken folgt ein Gefühl und daraus entsteht eine Handlung. Während Sonja denkt, sie sei unvorbereitet, folgen Gefühle wie Unverständnis, Neid oder sogar Selbstkritik. Ob sie diese bewusst wahrnimmt, ist fraglich. Ihre Reaktion folgt unmittelbar: Kontrolle gewinnen, festhalten, noch mehr vorbereiten. So muss sie sich ihren Gefühlen nicht stellen.

Sven hingegen fühlt, was er nicht einordnen kann. Er bleibt oft in diesem Gefühl stecken. Seine unsichtbare Reaktion ist Rückzug oder ein Verharren in einer Opferhaltung. Damit verbindet er den Wunsch nach Verständnis. Er sucht nach einer Lösung, doch noch mehr wünscht er sich, dass andere seinen Schmerz nachvollziehen. So muss sein Umfeld mit ihm mitfühlen.

Wer steht dir näher? Ist es Sonja, die Gefühle durch Handlungen überdeckt, oder Sven, der die Handlung unterdrückt und dem Gefühl zu viel Raum gewährt? Vielleicht hast du bereits eine Person aus deinem Umfeld vor Augen und denkst für sie: So kann das nicht weitergehen. Mir geht es um etwas anderes.

Versuche, dich selbst zu entlarven, indem du wahrnimmst, ob du emotional mitschwingst oder eher auf Distanz gehst. So erkennst du, wem du näherstehst. Diese Erkenntnis ist wertvoll.

Möchtest du noch einen Schritt weitergehen? Überlege dir, was sich dein innerer Sven oder deine innere Sonja wirklich wünschen. Formuliere deinen Rat für Sven oder Sonja. Sende mit diesen zu und ich frage in einem Monat bei dir nach, ob sich bei dir etwas verändert hat.