Auf meinen Beitrag über Sven und Sonja erhielt ich eine Nachricht von Svenja. Nimmt man die ersten drei und die letzten drei Buchstaben, entsteht daraus «Svenja». Die Frau, die mir geschrieben hat, heisst anders und sie verwendet in ihrem Spannungsfeld genau diesen Namen. Ihren Gedanken möchte ich nachgehen.

Sie schreibt:
«Mir fehlt schlicht die Energie, weiterhin alles zu managen, was bisher noch so leicht von der Hand ging und selbstverständlich war. Wo bleibt die Notwendigkeit, sich vorzubereiten, und wo darf spontan agiert und improvisiert werden?»

Liebe Svenja

Auf deine Frage kann ich dir kein Alltags-Rezept liefern. Vielleicht hilft dir diese Bild:

Wir sind in unserem Leben in einem Spannungsfeld unterwegs. Wir sind herausgefordert, diese Spannung auszuhalten und den Dialog zu suchen. Stell dir vor, zwei Menschen stehen miteinander im Dialog und halten gemeinsam ein Gummiseil. Solange sie im Gespräch bleiben, hören sie einander zu, Die Situation ist geklärt, sie gehen auf das Gesagte ein, fragen nach und versuchen, den anderen wirklich zu verstehen. Diese Gemeinschaft ist in Gleichwertigkeit oder auf Englisch: «same foot level».

Wird jedoch eine Seite des Dialogs verletzt oder irritiert oder etwas funktioniert nicht mehr so, wie sie es sich vorgestellt hat, macht sie innerlich einen Schritt zurück. Das Gummiseil spannt sich. Innerlich versuchen wir, die Bedrohung abzuwenden. Mirriam Priess spricht in ihrem Dialogmodell von der Alarmphase.

Du kannst dir vorstellen, dass meist mindestens eine Person einen weiteren Schritt zurück macht. Die Spannung im Gummiseil nimmt zu, die Haltung verkrampft sich.

Kehren die beiden Parteien nicht zum Dialog zurück, kommt jetzt die Phase des Widerstands, geprägt von Angriff, Verteidigung und Abwehr. Wir versuchen, Recht zu behalten. Die Gedanken kreisen nur noch um Selbstschutz und Selbstverteidigung. Für anderes bleibt kaum noch Raum. Die bereits aufgebrauchten Energiereserven schwinden noch mehr.

Stell dir vor, was passiert, wenn eine Seite immer weiter zurückweicht: Die Spannung wird irgendwann zu gross, und eine Seite lässt los. Das schmerzt.

Dieses Modell funktioniert sowohl zwischen Menschen als auch in uns selbst.

Zwischenmenschlich übernehmen Eltern die Rolle der Vermittlung, wenn Kinder in der Widerstandsphase feststecken. Wir Erwachsenen brauchen dafür häufig einen Mediator.

Innermenschlich nenne ich das Seelsorge. Es geht darum, sich selbst zuzuhören, Gedanken zu formulieren, die Bedeutung unterschiedlicher Standpunkte wahrzunehmen und daraus Entscheidungen zu treffen. Dadurch können Stressoren reduziert, Situationen entschärft oder manchmal auch bewusst verlassen werden.

Echte Begegnung kann nicht vorbereitet werden. Hörst du genau hin, kannst du dich nicht vorbereiten und der Ausgang ist offen.

Benjamin