Für Sven bedeutet Unvorbereitetsein ein Gefühl. Für Sonja ist es das Unterlassen einer Tätigkeit. Und für Svenja, die eine Mischung aus Sven und Sonja ist, entsteht daraus ein Spannungsfeld: Wie viel Vorbereitung ist notwendig und wann?

Am Construction Ride war ich mit verschiedenen Geschäftsleuten auf dem Rennrad unterwegs. Vor dem gemeinsamen Nachtessen wurde Rainer Maria Salzgeber gefragt: «Lieber vorbereitet oder improvisieren?» Seine Antwort lautete: «Vorbereitet improvisieren.»

Wer ausschliesslich auf Vorbereitung setzt, bewegt sich meist innerhalb seiner bekannten Fähigkeiten. Improvisation hingegen kann Zugänge zu Fähigkeiten eröffnen, die bisher verborgen waren. Verbinde darum die Aussage «Im Leben bist du gefordert, dein ganzes Potenzial auszuschöpfen», mit unvorbereitet sein. 

In der Vorbereitung für Herausforderungen nutzen wir oft Strategien, die uns schon früher zum Erfolg geführt haben. So entsteht die Überzeugung, unser Potenzial bestmöglich auszuschöpfen. Was bedeutet Potential eigentlich? Hast du dir das schon einmal überlegt? 

Stell dir ein Fenster eines älteren Hauses vor. Sie sind durch Sprossen in vier kleinere Felder unterteilt. Im oberen linken Feld befinden sich die Fähigkeiten und Stärken, die sowohl dir als auch anderen bekannt sind. Im Feld darunter liegen deine Geheimwaffen: Stärken, die du gezielt einsetzt, die anderen jedoch verborgen bleiben.

Auf der rechten Seite befinden sich Fähigkeiten, die dir selbst noch nicht bewusst sind. Diese Felder stehen für Möglichkeiten und Potenziale, die noch ungenutzt sind. Potenzial beschreibt schliesslich genau das: Fähigkeiten und Ressourcen, die zwar vorhanden sind, aber noch brachliegen.

Durch Vorbereitung greifen wir meist auf unsere bekannten und bereits entwickelten Fähigkeiten zurück. Es ist das, was für uns Realität und verfügbar ist. Das Johari-Fenster weist jedoch auf weitere Möglichkeiten hin: auf Fähigkeiten, die andere in uns erkennen und uns spiegeln können, sowie auf Talente und Potenziale, die bisher weder uns noch anderen bewusst sind.

Zwar greifen wir unter Druck oft auf bekannte Muster zurück. Doch genau weil unvorbereitete Situationen neue Anforderungen stellen, können sie uns dazu zwingen, Fähigkeiten zu entwickeln oder zu entdecken, die wir bisher nicht genutzt haben. 

«Vorbereitet improvisieren» bedeutet deshalb, das Spannungsfeld auszuhalten und nicht alles im Griff haben zu müssen. Es bedeutet, die Hände frei zu haben, um das Notwendige zu tun. Die Spannung besteht darin, sich angemessen vorzubereiten und gleichzeitig Raum für das Unvorbereitete zu lassen.

Ob dir das gelingt, kannst du herausfinden, indem du Rückmeldungen von anderen einholst. Das ist im Sinne des Johari-Fensters. Ordne diese Rückmeldungen ein, prüfe sie und speichere sie als gelungen oder verbesserungswürdig ab. So erweiterst du Schritt für Schritt dein Bewusstsein über dein eigenes Potenzial und lernst, immer mehr davon zu nutzen.