«Du hast viel zu wenig gelernt. Du bist überhaupt nicht auf die Prüfung vorbereitet», sagt eine Mutter zu ihrem Sohn. Der Sohn geht ihr still aus dem Weg und lässt die Mutter zurück. Ihre Sorgen lassen sie nicht los. Sie ist unsicher und sucht nach einer Möglichkeit, wie ihr Sohn sich besser vorbereiten könnte.

Das ist eine mir bekannte Situation. Kennst du sie auch?

Die Reaktion des Jungen könnte allerdings auch anders ausfallen. Ein lautes «Lass mich in Ruhe!» könnte folgen. Wenn er diese Art von Vorwurf schon öfter gehört hat, könnte seine Antwort lauten: «Immer muss ich lernen!» Wenn die Emotionen beim Jungen noch stärker aufschäumen, kann auch eine Zimmertür krachen.

Fühlt sich die Mutter in dieser Situation nicht ernst genommen, ergänzt sie ihre Aussagen vielleicht mit Sätzen wie: «Du wirst es später bereuen» oder «Du wirst es noch schmerzlich erfahren.»

Spätestens jetzt wird deutlich, wie schnell aus einer gut gemeinten Aussage ein Konflikt entstehen kann. Bevor es jedoch zum Konflikt kommt, ist die Aussage der Mutter meist gut gemeint. Sie hat vielleicht 25 Jahre mehr Lebenserfahrung als ihr Sohn. Sie betrachtet die Situation aus ihrer Perspektive und zieht daraus ihre eigenen Schlussfolgerungen. Aus dieser Wahrnehmung heraus kommt sie zu dem Schluss, dass ihr Sohn unvorbereitet ist.

Doch in dieser Wahrnehmung steckt möglicherweise auch ihre eigene Unsicherheit und Angst vor dem Scheitern.

Was führt Mutter und Sohn in den Konflikt miteinander?

Es ist die Projektion auf den anderen. Was gut gemeint ist, kann dabei zu einer Entmündigung des Gegenübers führen. Was meine ich damit?

Ein Konflikt entsteht, wenn sich zwei Menschen nicht mehr verstehen. Beide schaffen es in diesem Moment nicht, die Situation mit den Augen des Gegenübers zu betrachten. Der Sohn denkt oder sagt: «Lass mich in Ruhe!» Die Mutter hingegen versucht, stärker einzugreifen, um mehr Sicherheit und Kontrolle zu gewinnen. Je weniger sie sich verstanden fühlt, desto intensiver wird ihr Bedürfnis, auf ihren Sohn einzuwirken.

Bei einer Projektion auf den anderen überträgt die Mutter ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten auf ihren Sohn. Seine Reaktion erlebt sie möglicherweise als Ablehnung ihrer Sorge. Dadurch fühlt auch sie sich nicht verstanden. Ihre Worte werden lauter und bestimmter, doch mehr Druck macht ihre Argumente nicht überzeugender.

Ich weiss, dass Schule und insbesondere Prüfungen Familien und Partnerschaften strapazieren können. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Begleitung von Jugendlichen schwierig sein kann. Jugendliche können das Ausmass und die Konsequenzen ihres eigenen Handelns manchmal noch nicht ausreichend abschätzen.

Wenn du dich in einer ähnlichen Situation wiederfindest, kann es helfen, das eigene Handeln einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und sich zu fragen, welche eigenen Ängste gerade mitschwingen.

Teile ich tatsächlich meine Beobachtung mit oder übertrage ich vor allem meine eigene Angst auf mein Gegenüber? Versuche ich vielleicht, durch meine Worte das Ruder in der Hand zu behalten und die Situation zu kontrollieren?

Und vielleicht lohnt sich genau hier ein kurzer Moment des Innehaltens:

Beschreibe ich gerade tatsächlich die Realität oder projiziere ich meine eigene Angst auf das Gegenüber?